PAUL
VIRILIO://
DER RAUM IST KEIN GEOGRAFISCHER RAUM, SONDERN EIN
RAUM DER ZEIT.
Film ist die Quantisierung des Raumes in der Fläche über
die Zeit. Versucht man die Daten nicht als Film zu begreifen, sondern
eben als Daten von Raum und Zeit, so gibt dies die Freiheit, die
Daten unterschiedlich zu interpretieren. Vertauscht man etwa die
Raum- und Zeitachsen, indem pro Frame nur eine einzelne vertikale
Pixellinie genommen und neben der gleichen des Nachbarframes dargestellt
wird, ergeben sich ungewohnte
Ansichten in die Funktionsweisen unserer technischen Medien. Das
Unterdrücken der dritten Dimension öffnet das Tor zur
vierten und lässt uns
endlich verstehen, wieso es Neo in der Matrix gelingt, die Flugbahn
eines Projektils zu sehen - durch einfaches Vertauschen der Raum-
und Zeitachse. Oder einfacher: Stapelt man alle Bilder einer Filmsequenz
übereinander zu einem Block, sieht man von der Seite die Zeit.
Befindet man sich im Block, kann man in ihr agieren wie in einem
Raum. Analoge Vorläufer dieser Technik finden sich in der sogenannten
Slitscannfotografie. Hier wird der Film im Apparat nur linienweise
belichtet und während eines Ereignisses, etwa einem Zieleinlauf
bei einem Wettlauf, hinter einem Schlitz transportiert. Im digitalen
Kontext wird diese Technologie des zeilenweisen Darstellens von
Zeitverläufen häufig genutzt, um grafische Darstellungen
von Filmarchiven zu generieren und somit die Zugriffsgeschwindigkeit
zu erhöhen. In diesen Darstellungen wird deutlich, ob sich
Kamera oder Objekt bewegt haben (Statisches wird zur Linie, Dynamisches
zum Objekt). Interessant ist, dass die Technik die Richtung von
Objekten aufhebt. Läuft etwa ein Fußgänger an einer
Kamera vorbei, wird, egal ob er von links oder rechts kommt, zuerst
die Nase und zuletzt der Hinterkopf gescannt. Auf dem Bild wird
er also immer nach links schauen, wenn dort die erste Pixellienie
geschrieben wird.
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