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DATE: 09.2005
AUTHOR: CHRISTIAN MAHLER
Das Essay entstand anlässlich der Wahlen zum 16. Bundestag
im Herbst 2005 und führt einen Teil der vorherigen Arbeiten
und Recherchen zusammen. Der Artikel wurde von Florian Rötzer
für das onlinemagazin telepolis
ausgewählt..
RELATED WORKS
THE EXTERNALISED MEMORY
METAMOVIES
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HOMO
COMPOSITUS - Besondere Merkmale: keine |
Am 18.09.2005 finden in Deutschland die Wahlen zum 16. Bundestag
statt. Der derzeit noch amtierende 15. Bundestag wurde vom Bundespräsidenten
aufgelöst. Von den 601 Sitzen wurden 197 von Frauen und 404
von Männern besetzt. Diese Zahlen vermitteln rein quantitativ
den als Wortbild personifizierten Begriff "Bundestag".
Unsere auf einer Pars-pro-toto- Konstellation basierende Realitätskonstruktion
gestattet es nicht, eine omnipotente Vorstellung des Körpers
"Bundestag" als handelnde Instanz hervorzubringen. Einzelne
Personen mit ihrer individuellen, oft durch ihr Medienauftreten
bestimmten Präsenz vermitteln uns ein in Partikel aufgelöstes
Bild des Ganzen.
Bundesweit werben die Parteien um die Aufmerksamkeit der
Wähler. Themenplakate als auch Plakate der Kandidaten besetzen
massiv den öffentlichen Raum. Durch die uniforme "Corporate
Identity" und das bildgestalterische Gesamtkonzept der jeweiligen
Parteien blicken die Gesichter der Kanditaten. Doch nicht nur Kandidat,
Programm und Partei sprechen den Betrachter an. Die Plakate erzählen
noch eine andere Geschichte, die Geschichte ihres Entstehungsprozesses.
Und der, so erinnert uns Marshall McLuhan, ist maßgeblich
an der Konstruktion der uns erreichenden Botschaft beteiligt.
Auch wenn es sich bei den Plakaten um ein Printmedium handelt, sind
sie doch offensichtlich digital erstellt. Dies wird nicht nur bildästhetisch
in der Art der Kollage deutlich, sondern auch innerhalb der Plakatserien.
Das den digitalen Medienobjekten innewohnende Prinzip der Modularität
[1] der Medienebenen bedingt deren Selektierbarkeit
und Editierbarkeit. So werden die Fotos der Kandidaten und Slogans
ausgetauscht, ohne die Gesamtkomposition zu verändern. Diese
für die Massenproduktion geeigneten Erstellungsmethoden führen
zu einer Standardisierung der Bilder, als müssten sie einer
Industrienorm entsprechen. Die Frage ist nun, ob diese Standardisierung
die Kandidaten stärker hervortreten lässt oder das mentale
Metabild der Plakate die Individuen in den Hintergrund drängt.
Ein solches Metabild würde subtil suggerieren, dass Personen
und Programm wie deren Foto-Wahlkampf- Avatare austauschbar sind,
ohne eine Konsequenz für das Gesamtkonzept, sei es nun ästhetisch
oder politisch.
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arythmetisches
Mittel von 6 Plakaten der FDP highres
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arythmetisches
Mittel von 7 Plakaten der Linken
highres > |
arythmetisches
Mittel von 14 Themenplakaten der Grünen highres
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Individualität
und Standardisierung
Nicht nur in unserer Pop-, sondern auch in der Hochkultur,
Forschung und Wissenschaft ist die Tendenz der Ablösung der literarischen
Welt durch die der technischen Bilder deutlich spürbar. 1992
verkündet William J. Mitchell den Pictorial Turn und betont damit
die Verschiebung vom Text zum Bild in der Konstruktion unserer nun
wörtlich zu nehmenden Weltbilder.
Bevor technische Bilder durch den Privatgebrauch ein Massenphänomen
wurden, zeichneten Autoren wie etwa Marcel Proust, James Joyce oder
Robert Musil über individuelle Lebensschilderungen ein literarisches
Gesellschaftsportrait. Ein diesem Konzept entgegengesetztes, aber
ebenso mentales Gesellschaftsbild wird auch durch die Jahrbücher
des Statistischen Bundesamtes geprägt. Die Entindividualisierung
hilft, ein Metabild zu entwerfen, in dem über Angaben wie Körpergröße,
Gewicht, Verdienst, Konsumverhalten und Todesursachen prototypische
Muster deutlich werden. Überdenkt man diese beiden Konzepte
im Zuge des Pictorial Turn, wird schnell deutlich, dass die verbreitetste
Methode der Auslagerung einer Individualität die der fotografischen
oder filmischen ist. Sucht man etwa in der google-Bilderdatenbank
Begriffe wie "Familie", "Frau", "Baby"
oder "Opa", bekommt man den Zugang zu einer Vielzahl individueller
Erinnerungen an verschiedene Etappen eines Lebens. Da es unserer Wahrnehmung
eigen ist, ähnliche Eindrucke zusammenzufassen, Chaos zu strukturieren
und zu abstrahieren, bilden sich in der Summe aller Bilder Muster,
Muster von Familien, Frauen, Babys und Großvätern. Blickt
man nicht auf seinen Bildschirm, sondern auf die unzähligen Wahlplakate,
beginnen sich die Eindrücke ähnlich zu überlagern.
Die Plakate finden sich auch auf den Webseiten der angetretenen Parteien.
In der direkten Gegenüberstellung wird das Phänomen deutlicher.
Diese in Datenbanken ausgelagerten simultan zur Verfügung stehenden
Bilder öffnen das Tor zu einer kulturellen Praxis, die es erlaubt,
Muster nicht nur mental, sondern technisch zu generieren. So ist es
nicht nur möglich, die Metastrukturen der Wahlplakate herauszuarbeiten,
sondern auch die darauf abgebildeten Personen zu vereinheitlichen.
Auf den Webseiten des deutschen Bundestages finden sich Abbildungen
aller 601 Abgeordneten. Bildet man aus allen Gesichtern das statistische
Mittel, erhält man nicht nur das Meta-Gesicht der deutschen Bundespolitiker,
sondern man erhält erstmals über farbige Diagramme und Infotafeln
hinaus eine grafische, personifizierte Entsprechung des Wortbildes
"Bundestag". Je nach der verwendeten Methode ergeben sich
verschiedene Ergebnisse. Werden alle Bilder nur mathematisch gemittelt,
wird das Metabild verschwommen und unpersönlich. Richtet man
jedoch alle Gesichter an den Blickachsen aus, wird man von einem lächelnden
Gesicht begrüßt.
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Mathematisches
Mittel von Fotos der 601 Abgeordneten des 15. Bundestages, 2005;
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Synchronisation
der Augen, 2005 highres
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links
404 Männer / highres
>>,
rechts 197 Frauen / highres>>
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Fotorealismus
und verkehrte Wirklichkeit
Bereits im 19. Jahrhundert entwickelte der Anthropologe Sir Francis
Galton eine Methode, in der aus mehreren Fotografien ein Durchschnittsgesicht
erzeugt werden konnte. Dazu wurden Fotos von Gesichtern übereinander
positioniert. Die Augen bildeten dabei die Synchronisationspunkte.
Galton erhoffte so Prototypen wie etwa die des Gewaltverbrechers
oder einer Prostituierten ermitteln zu können. Alle erreichten
Ergebnisse erwiesen sich jedoch als nicht repräsentativ, da
sich individuelle Verhaltensmuster nicht in einer intersubjektiven
äußeren Erscheinung niederschlagen. Die Technik führte
dennoch zu Ergebnissen. Da auffiel, dass die entstehenden Gesichter
aufgrund der sich bildenden Symmetrie attraktiver waren als die
der Individuen, wurden diese Technik des Kompositions- Portraits
bis in die 1980er Jahre in der Schönheitsforschung verwendet
und dann von der Morphingtechnologie abgelöst. |
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Sir
Francis Galton - Das Kompositions-Portrait einer Familie beinhaltet
die Gesichter des Vaters, der Mutter, zweier Söhne und zweier
Töchter |
Nancy
Burson - Das Bild zeigt den Durchschnitt der Gesichter von Jane Fonda,
Jacqueline Bisset, Diane Keaton, Brooke Shields und Meryl Streep,
1982 |
beautycheck
- Ein aus 64 Gesichtern gemorphtes durchschittliches Frauengesicht |
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Auch
wenn es beim Metabild des Bundestages nicht um Attraktivität
geht, so hilft es doch, eine Anschauung zu gewinnen, sei es die vom
Prototypen eines Abgeordneten oder die Erkenntniss, dass der Bundestag
zum überwiegenden Teil männlich ist. In ihrer formellen
Qualität sind die entstandenen Bilder Hybride. So besitzen die
Bilder fotorealistische Eigenschaften, die jedoch nur substanziell
sind, nicht jedoch vordergründig wahrnehmbar werden. Der naheliegende
Verdacht, Fotos und der von ihnen erwartete Realismus haften untrennbar
einander an, kann nicht bestätigt werden. In der wahrnehmbaren
Qualität der Metabilder finden sich erstaunlicherweise eher Parallelen
zu Gemälden, die entweder als non finito oder metaphysisches
Bild à la William Turner angelegt sind. Der Begriff des Fotorealismus
muß somit einmal mehr überdacht werden. In der Tradition
der in der Wahrnehmung hybriden Portraits könnte man eine Umkehrung
der Ansätze von Chuck Close finden. Close versuchte nach eigenen
Aussagen, in seinen Bildern nicht die Personen zu portraitieren, sondern
die Fotografien von Personen. Ähnliche Ansätze verfolgten
andere Künstler der Realismusbewegung, so auch der Deutsche Gerhard
Richter. Das digitale Metabild hingegen überwindet die durch
den linsenbasierten Aufzeichnungsprozess bedingte Ästhetik und
hebt eine Vorstellung von einer Person über deren Abbildung.
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William
Turner - Rain Steam and Speed - The Great Western Railway, Öl
auf Leinwand, 1844
Digitales Metabild aus 40 Fotos von Personen vor dem Eiffelturm in
Paris
Digitales Metabild aus 40 Klassenfotos, 2005 |
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Chuck
Close - Big Self-Portrait, Acryl auf Leinwand, 1967-68
Gerhard Richter - Drei Schwestern, Öl auf Leinwand, 1965
Robert Bechtle - Agua Caliente Nova, Öl auf Leinwand, 1975
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Customization
Sollten die zuvor formulierten Thesen nur annähernd zu halten
sein, so unterläge das durch die Plakatierung generierte mentale
Bild der zur Wahl antretenden Parteien und ihrer Vertreter, mehr als
beabsichtigt, den Prinzipien digitaler Bildgestaltung und den Produktionsmethoden
der Grafikbüros. Die durch das Metadesign verursachte Standardisierung
der Visualität in Verbindung mit der Massenproduktion bewirkt
eine Entindividualisierung der Personen. Verglichen mit uniformierten
Einheiten, wie etwa Soldaten oder Baletttänzerinnen, denen aufgrund
ihres genormten Äußeren eine ähnliche Symptomatik
inne wohnt, täte den Plakaten eine Choreographie gut, ein höheres
System, das die Posen des Einzelnen in ein Gesamtbild fügt. Darüber
hinaus zeigen die Erfahrungen mit den modernen Bilderstürmern
auch ein Verlangen nach einer Beteiligung der Betrachter an der Erscheinung
der Plakate. Es geht dabei nicht immer um die Entwürdigung der
abgebildeten Personen. Angemalte Schurrbärte, Brillen und Ohringe
zeugen vielmehr von dem Willen, das Bild nach den individuellen Maßstäben
der Betrachter anzupassen. Customization ist hier das Zauberwort.
Wenn schon die digitalen Prinzipien mit in die Gestaltung der Plakate
einwirken, so könnte man doch über Konzepte nachdenken,
in denen der Betrachter im postmodernen Sinn vom User zum Author wird.
Vorstellbar wäre ein visuelles Wahl-Plakat- Wikipedia, in dem
individuelle Wünsche und Meinungen geäußert werden
können und dennoch in der Summe aller Einträge ein schlüssiges
Metabild der Gesellschaft entsteht. Das Plakat stünde in seiner
Funktion als Avatar des Kandidaten, der als Vertreter des Volkes sein
Wahlprogramm mit den Wünschen an der Basis abgleichen könnte.
Das Metadesign wäre dann nicht mehr für die Konzeption von
Schablonen für austauschbare Gesichter und Texte zuständig,
sondern für die Festlegung von Rahmenbedingungen, innerhalb derer
die Schaffung kultureller Werte möglich ist. Aber bevor Wahlkampf-Plakat-Utopien
im Universum der technischen Bilder möglich werden, vergehen
wohl noch einige Wahlkämpfe. Und so werden wir periodisch auf
Bilder schauen, die im Gedächtnis bleiben wie die Titelseiten
der Fernsehillustrierten. |
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Gestürmte
Wahlplakate |
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[1] Der Medientheoretiker und Kulturwissenschaftler
Lev Manovich stellt in seinem 2001 erschienenen Buch „The Language
of New Media“ die erste systematische Theorie der Neuen Medien
auf und formuliert die fünf so genannten "principles of
new media"; numerische Repräsentation, Variabilität,
Modularität, Automation und Transcoding. Das Buch wird in seinem
mediengeschichtlichen Zusammenhang als die ausführlichste Betrachtung
seit Marshall McLuhan gehandelt.
Literaturhinweise:
Manovich, Lev: The Language of New Media, Cambridge, Mass. 2001
McLuhan, Marshall/Fiore, Quentin: The Medium is the Massage, Corte
Madera 2001
Burda, Hubert/Maar, Christa: Iconic Turn. Die neue Macht der Bilder,
Köln 2004
Mitchell, William J. : The Reconfigured Eye, Cambridge, Mass.1992
Flusser; Vilém: Ins Universum der technischen Bilder. Göttingen
1985 |
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