Bevor technische Bilder durch den Privatgebrauch ein Massenphänomen
wurden, zeichneten Autoren wie etwa Marcel Proust, James Joyce oder
Robert Musil über individuelle Lebensschilderungen ein literarisches
Gesellschaftsportrait. Ein diesem Konzept entgegengesetztes, aber
ebenso mentales Gesellschaftsbild wird auch durch die Jahrbücher
des Statistischen Bundesamtes geprägt. Die Entindividualisierung
hilft, ein Metabild zu entwerfen, in dem über Angaben wie Körpergröße,
Gewicht, Verdienst, Konsumverhalten und Todesursachen prototypische
Muster deutlich werden. Überdenkt man diese beiden Konzepte
im Zuge des Pictorial Turn, wird schnell deutlich, dass die am weitesten
verbreitete Methode der Auslagerung einer Individualität die
der fotografischen oder filmischen ist. Mit der Erfindung der Fotografie
und Telegrafie und dem Verlegen der transatlantischen Kabel im 19.Jahrhundert
wurde noch vor dem Siegeszug digitaler Technologien der Grundstein
für eine globale Medienkultur geschaffen. Die Fotografie als
Urvater der technischen Bilder sorgt bis heute dafür, dass
sich über den Globus hinweg ein riesiger ikonischer Schaum
ablagern konnte. Die Telegrafie beschleunigte die Vernetzung des
Informations- und Medienraumes hin zu einer kulturellen Sphäre
der globalen Information. An den digitalen Schnittstellen dieser
Entwicklungen entstehen eine Vielzahl hochinteressanter Hybride.
Diese kontrollieren den Pulsschlag der unübersehbar täglich
wachsenden E-konosphäre, der Sphäre der vernetzten technischen
Bilder. Aufgrund der immensen Anzahl der Bilder und einer Gemeinsamkeit
oder gar Redundanz an Inhalten und Formen ist man in der Lage, verschiedenste
Gruppen, Kategorien und Topoi zu bilden. Sucht man etwa in der Google-Bilderdatenbank
Begriffe wie “Familie”, “Frau” oder “Baby”,
bekommt man den Zugang zu einer Vielzahl individueller Erinnerungen
an verschiedene Etappen eines Lebens. Da es unserer Wahrnehmung
eigen ist, ähnliche Eindrücke zusammenzufassen, Chaos
zu strukturieren und zu abstrahieren, bilden sich in der Summe aller
Bilder Muster, Muster von Familien, Frauen und Babys. Ordnet und
sortiert man das Material nicht nur, sondern schöpft aus diesem,
um Neues zu generieren, eröffnet dies das Tor zu einer kulturellen
Praxis, die man am ehesten als Meta-Kreation bezeichnen könnte.
Nicht mehr die fotografische Linse und mit ihr die Perspektive prägen
ihre Ästhetik, sondern die Fülle und Vielschichtigkeit
der Quellen. Es ist eine Ästhetik des Archivs, der Masse, der
Redundanz und des Verschwindens. War von der Renaissance bis zum
Ende des 20.Jahrhunderts die Perspektive die symbolische Form der
Bildkultur, so wird im 21. Jahrhundert die Linse vollständig
mit der Datenbank fusionieren. Da das Trägermedium der Bildinformation
nicht mehr als Abbildungsmedium einer äußeren Realität
dient, sondern als Datenbank von bits und bites, können diese
zu Metastrukturen zusammengefasst werden, die das Verhältnis
von Realität, Abbild und Wahrnehmung neu definieren. Die dabei
entstehenden Hybride aus linsenbasierten und algorythmischen Bildgenerierungsverfahren
werden Medienobjekte einer höheren Kategorie oder besser einer
höheren Stufe der Abstraktion und Virtualität.
|