JEAN
LUC GODARD://
INDEED, NATURALLY I THINK THAT A FILM SHOULD HAVE
A BEGINNING,
A MIDDLE, AND AN END - BUT NOT NECESSARILY IN THAT ORDER. [1]
Die technologische Archivierung des Raums in der Zeit ist die Grundvoraussetzungen
für das Verständnis heutiger audiovisueller Medien. Die
technische Trennung von Raum und Zeit in diskrete Einheiten ermöglichte
es, dynamische Prozesse in eine sinnlich wahrnehmbare Form zu bringen.
Eine Vielzahl sogenannter Optical Toys kündigten in den Prinzipien
ihrer Wirkung die Entwicklung des Kinos an. So etwa das Daumenkino
[2], das als Bindeglied zwischen Buch und Film Zeit und Raum über
die Fläche, die Seiten, quantisiert und durch das Blättern
der Seiten die archivierte Kinetik der Objekte wiederbelebt. Als
Betrachter kann man an beliebiger Stelle in das Geschehen einstarten,
es vorwärts oder rückwärts betrachten. Der filmische
Raum ist mit allen Zeiten gleichzeitig verfügbar. Das Prinzip
der Aufteilung von Zeit und Raum in diskrete Einheiten hat sich
mit der Überführung der Fotografie und damit des Films
in die digitalen Medien erhalten. Darüber hinaus sind Zeit
und Raum algorithmisch kontrollierbar und editierbar geworden. Aufgrund
der numerischen Präsenz der Mediendaten lässt sich in
einem digitalen Film nicht nur jedes einzelne Bild, sondern jedes
einzelne Pixel
ansteuern und editieren. Wim Wenders formuliert: „Wir sind
in die Atomphysik des Bildes vorgedrungen und können nun jedes
Bild bis auf seine Atome aufspalten und zerlegen und die Atome,
die Pixel, dann beliebig neu wieder zusammensetzen.[3] Die Überführung
des Zeit-Raum-Kontinuums in das Universum der technischen Bilder
gestattet es uns nun, die natürliche Kontinuität zu stören,
die Seiten unseres Daumenkinos zu lösen und neu zu formieren
und damit das Material neu zu informieren. Vilém Flusser
beschreibt die Kultur der telematischen Gesellschaft als Synthesen
vorangegangener Informationen und sieht den Menschen dann nicht
mehr als Schöpfer, sondern als Spieler.[4] Spielen wir nun
mit den technischen Informationen eines Films. Zwingen wir etwa
der Bildsequenz eines Films die Information des dazugehörigen
Tons auf, beginnt das Raum-Zeit-Kontinuum zu rauschen. Der lineare
Charakter cinematographischer Narration wird durch die Dynamik der
Soundspur anachronistisch. Durch das Konvergieren der Medienebenen
entsteht jedoch ein Dialog, der uns hilft, eine neue Anschauung
über die innere und äußere Struktur und das Sehen
und Verstehen von Bewegtbild zu gewinnen. Dieser Dialog überlagert
sich darüber hinaus mit dem Dialog der Protagonisten des Films.
Wir werden dabei zu Deutungsprozessen
aufgefordert, die in ihrer Wirkung auf ein interessantes Wahrnehmungsphänomen
hinweisen, das Michel Chion für die Nachvertonung von Film
erkannte und als Synchrese benannte: „Die Synchrese (ein Wort,
das ich aus Synchronismus und Synthese zusammengesetzt habe) ist
die unwiderstehliche und spontane Verbindung, die zwischen einem
akustischen und einem kurzen optischen Phänomen entsteht, wenn
die beiden zeitgleich auftreten, und zwar unabhängig von jeder
rationalen Logik.“ [5] Die Synchrese scheint als Wahrnehmungsphänomen
in den digitalen Medien eine entscheidende Rolle zu bekommen, bedenkt
man, auf welch unendliche Weise bestehende Informationen miteinander
neu komputiert werden können. Unsere Wahrnehmung, die sich
mit den Grenzen der Realwelt entwickelte, wird nun in vermehrtem
Maße dazu aufgefordert, Zusammenhänge zu entwickeln,
die sich einer Anschauung eigentlich entziehen.
[1] http://www.studyworld.com/newsite/Quotes/QuoteByAuthor.asp?i=G
(22.06.2005)
[2] Daumenkino erstmal 1868 von John Barnes Linnett patentiert
[3] Wenders, Wim: Auf der Suche nach Bildern in: Burda, Hubert /
Maar, Christa (Hrsg): Iconic Turn - Die neue Macht der Bilder, München
2003
[4] Flusser; Vilém: Ins Universum der technischen Bilder.
Göttingen 1985
[5] Chion, Michel: Audio-Vision. Sound on Screen, New York 1994
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