Während
des Lesens dieser Zeilen werden mehr Bilder entstehen als in der
Renaissance und im Barock zusammen. Viele werden sich ähnlich
sein, etwa Menschen, Tiere, Straßen, Häuser zeigen. Einige
der Bilder werden besondere Anlässe bewahren, wie Geburtstage
oder Hochzeiten. Andere Bilder dokumentieren politische, wissenschaftliche
oder gesellschaftliche Ereignisse. Zunehmend schauen Kameras in
den öffentlichen Raum, um an Flughäfen, in Bahnhöfen
oder Einkaufsmeilen Verdächtiges aufzuspüren.
Mit der Verbreitung digitaler Medien und dem Aufkommen des »Interconnected
Network« (Internet) können Fotografien und Filme nicht
mehr nur als Abbildung einer äußeren Realität verstanden
werden, sondern auch als vernetzte maschinenlesbare Dateien aus
bits und bytes. Archiviert in Datenbanken kreisen sie als unstrukturiertes
Partikelsystem elektronischer Artefakte in der Ikonosphäre
unserer visuellen Kultur. Diese Daten zu strukturieren und in Beziehung
zu setzen, wird das Spannungsfeld der ästhetischen Auseinandersetzungen
unseres Jahrhunderts. Ein möglicher Ansatz, um fotografische
Bilder von der Ästhetik des linsenbasierten Aufzeichnungsprozesses
zu befreien, wird im EIGENFACE-Projekt von Christian Mahler formuliert.
Das Projekt fügt eine mit Suchmaschinen gesammelte oder selbst
generierte Vielzahl von Vertretern einer Begrifflichkeit zu einem
einzigen digitalen Bild zusammen, synthetisiert Begriffe in einer
höheren Stufe der Virtualität. Was sich visualisiert,
sind nicht nur postmoderne Strukturen, sondern Strukturen in denen
sich Schemata formen, Brücken zwischen Wahrnehmungen und Begriffen.
Bei der Betrachtung der Bilder tritt das individuelle, durch Erfahrung,
Prägung und Wissen mental konstruierte Schema mit dem arithmetisch
gemittelten digitalen Schema einer Begrifflichkeit in Wechselwirkung.
So kommt das Eigenface zutage, jenes Muster, das Individualität
als Differenz zu einem Durchschnitt definiert. Das Verhältnis
von Realität, Abbild und Vorstellung wird reflektiert.
Christian
Mahler beschäftigt sich mit der Ästhetik und Gestaltung
der neuen Medien. Nachdem er sich gemeinsam mit seinem Kollegen
Sebastian Purfürst in der Arbeit »Design Strategies for
Converging Media« (mehr)
bereits umfangreich mit audiovisuellen Traditionen, Wechselwirkungen
und Möglichkeiten der konvergenten Medien auseinandergesetzt
hat, sucht er nun mit EIGENFACE nach Topoi in unserer in Datenbanken
ausgelagerten Erinnerung (ausführliche
Vita )
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